Makro des Camcorders nicht ausreichend – was kann man tun?

Alles über Nahlinsen

Ich bin seit November stolzer Besitzer der Sony FDR-AX100. Meine Begeisterung können Sie sicher nachvollziehen. Ich möchte fragen, ob es Objektiv-Vorsätze gibt, mit denen ich noch bessere (größere) Makro-Aufnahmen machen kann. Konkret möchte ich die Nadel eines Vinyl-Tonabnehmers damit filmen.

Deine Kamera kann bis fast auf die Frontlinse scharf stellen. Das gilt jedoch nur in Weitwinkelstellung des Objektivs. Die daraus resultierende Abbildungsgröße ist überschaubar und entspricht in etwa dem Frontlinsenduchmesser. Bei längerer Brennweite nimmt die Naheinstellgrenze erheblich zu, so dass sich das Motiv nicht mehr scharf stellen lässt.

Um hier Abhilfe zu schaffen, gibt es verschiedene Möglichkeiten:

  • spezielle Markoobjektive
  • Zwischenringe
  • Balgengeräte
  • Nahlinsen.

Da das Objektiv Deines Camcorders fest verbaut ist, nutzen Dir spezielle Makroobjektive naturgemäß nichts. Auch der Weg, den Abbildungsmaßstab über eine Auszugsverlängerung (Zwichenringe/Balgengerät) zu erhöhen, bleibt Dir verwehrt. Problemlos und oft mit gutem Ergebnis lassen sich jedoch Nahlinsen verwenden.

Sie funktionieren wie eine Lesebrille und verkürzen den minimalen Abstand, bei dem das Objektiv noch scharf gestellt werden kann. Im Gegensatz zur objektiveigenen Makrofuktion bleibt der Zoom voll nutzbar. Die maximale Abbildungsgröße wird daher nicht durch den Zwang zur kürzeste Brennweite limitiert, sondern richtet sich nur nach der Entfernung zum Objekt und der maximal verfügbaren Brennweite.

Nahlinsen sind in verschiedenen Stärken erhältlich. Je stärker brechend die Linse ist, desto näher kommst Du an das Motiv heran, desto deutlicher treten jedoch auch Abbildungsfehler in den Vordergrund. Deshalb verwende eine Linse mit möglichst geringer Brechkraft. Bevor Du auf eine stärkere ausweichst, solltest Du immer erst den Zoom bis zum Anschlag ausreizen. Widerstehe dem Versuch, zusätzlich den Digitalzoom zu verwenden!

Die Tabelle zeigt, wie sich bei einem Objektiv mit einer Mindestenfernung von 1m (das trifft auf Ihre Kamera in Telestellung zu) die Aufnahmedistanzen unter der Verwendung von Nahlinsen verringern. Musst Du noch näher ans Motiv heran, lassen sich mehrere Linsen kombinieren. Die Dioptrienzahl addiert sich dabei. Gleichzeitig leidet die Bildqualität, so dass mehr als zwei Nahlinsen übereinander kaum sinnvoll erscheinen.

Breckraft der Linse

Max. Aufnahmedistanz

Min. Aufnahmedistanz*

+1 dpt

100 cm

49 cm

+2 dpt

50 cm

33 cm

+3 dpt

33 cm

25 cm

+4 dpt

25 cm

20 cm

+5 dpt

20 cm

17 cm

+10 dpt

10 cm

9 cm

Teuer oder billig – was ist besser?

Einzelne Nahlinsen gibt es im Internet schon für weniger als 6 €. Markenware von B+W, hama oder heliopan gibt es ab etwa 20 €. Für nur wenig mehr bekommst Du im Online-Handel schon ein komplettes Set, bestehend aus zumeist 4 Linsen von +1 bis +10 dpt.

Vor einigen Jahren habe ich alle Nahlinsen, denen ich irgendwie habhaft werden konnte, kurz angetestet – nicht unter Laborbedingungen, sondern in der Praxis. Das Ergebnis: Qualitätsunterschiede sind erkennbar, zum Beispiel bei der Verarbeitung der Fassung und dem Gewinde. Die optischen Unterschiede am Realbild stehen in keinem Verhältnis zu den erheblichen Preisunterschieden. Für den Gelegenheitsnutzer reicht die Einfach-Variante allemal.

Farbsäume an Hell-/Dunkelübergängen sowie Randunschärfen sind die Hauptnachteile von Nahlinsen mit hohem Brechwert (Für Großansicht bitte auf das Foto klicken).

Einen deutlichen Qualitätsgewinn bieten achromatische Nahlinsen. Sie bestehen nicht aus einer einzelnen Sammellinse, sondern aus mindestens zwei verkitteten Glaselementen mit unterschiedlichen Brechungseigenschaften. Dadurch reduziert sich die chromatische Aberration. So nennt man Farbsäume, die besonders an Hell-/Dunkelübergängen des Motivs unangenehm auffallen. Achromaten sind deutlich teurer (ab etwa 60 €) und lohnen sich nur, wenn Du häufiger im Nahbereich filmst und auf ein Maximum an Bildqualität Wert legst.

Die Sache mit der Schärfe

Foto: Walimex

In vielen Fällen wird der Autofokus tadellos funktionieren. Bei sehr starken Nahlinsen kann es jedoch zu Randunschärfen kommen, die den Autofokus verwirren. Hier hilft nur das manuelle Einstellen der Schärfe auf den (mittleren) bildwichtigen Teil des Motivs. In der Praxis gestaltet sich das nicht immer ganz einfach, weil die Einstellmöglichkeiten an der Kamera hierfür viel zu ungenau sind. Es ist daher oft sinnvoller, den Abstand der Kamera zum Motiv geringfügig zu verändern. Damit das mit der nötigen Genauigkeit geht, verwendest Du am besten einen Einstellschlitten (siehe Abbildung), der zwischen Stativ und Kopf montiert wird.

Welche Blende optimal ist

Für die Suche nach Schärfe ist es nützlich, die Kamerablende so weit wie möglich zu öffnen. Verkürze dazu die Belichtungszeit, bis die Kameraautomatik die größtmögliche Blende einstellt.

Drehen darfst Du mit diesen Kameraeinstellungen keinesfalls! Bei weit geöffneter Blende ist nicht nur die Schärfentiefe extrem gering, sondern es leidet auch die Abbildungsqualität. Je höher die Dioptrienzahl der verwendeten Nahlinse, desto ausgeprägter sind die Probleme: Unschärfen an den Rändern lassen sich häufig bei der Bildgestaltung berücksichtigen. Im fertigen Film fällt der Fehler nicht mehr ins Gewicht. Bei Farbsäumen sieht es anders aus – sie stören immer. Darum solltest Du mit ausreichend Licht arbeiten und so für kleine Blendenöffnungen sorgen.

Bestimmt kennst Du den Spruch „Je kleiner die Blende, desto größer die Schärfentiefe“. Bis zu einem gewissen Punkt nimmt die Schärfe durch Abblenden des Objektivs tatsächlich zu. Darüber hinaus nimmt sie – scheinbar gegen jede Regel – wieder ab. Woran liegt das? – Bei einem extrem stark abgeblendeten Objektiv müssen sich die einfallenden Lichtstrahlen durch eine winzige Blendenöffnung zwängen. Einige der normalerweise geradlinig verlaufenden Strahlen werden dabei abgelenkt und treffen an einer falschen Stelle auf den Chip.

Die kleinste Blende, die gerade noch verwendet werden darf, kennen Fotografen unter dem Begriff „förderliche Blende“. Deren tatsächlicher Wert ist nicht nur von den Objektiveigenschaften abhängig, sondern zusätzlich auch von der Größe und dem Auflösungsvermögen des Bildwandlers. Da diese Daten bei fast jeder Kamera variieren, sind verbindliche Empfehlungen schwierig. Wenn Du bei Deinen Aufnahmen ca. 1 Stufe unter der kleinst möglichen Blende bleibst, bist Du vermutlich auf der sicheren Seite. Fehlt es Deinen Aufnahmen an Schärfe, verfluche also nicht gleich die Nahlinse, sondern prüfe, ob eine größere Blende das Ergebnis verbessert!

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