Welches Filmmaterial ist für meine Super-8 Kamera geeignet?

Ich habe im Bestand meines Opas zwei Super8 Kameras gefunden. Die Porst reflex ZR 448, die ich gerne in Betrieb nehmen würde, unterstützt nur Empfindlichkeiten von ASA 16, 25, 40, 64, 100, 160 bei Tageslicht. Die einzigen Filme von Adox und Wittner mit einer Empfindlichkeit von 100 die ich finde, sind zur Zeit nicht erhältlich. Lässt sich alternativ Beispielsweise ein Kodak 50D oder ein Kodak Tri-X 200 verwenden oder wäre ein Belichtungsfehler zu groß, oder lässt sich dieser Fehler bei der Entwicklung korrigieren? Gerne bin ich auch für andere Quellen mit Filmen mit passender Empfindlichkeit offen.
– Marcel Haller

Egal, was Du kaufst, bevor Du Geld in die Hand nimmst, solltest Du zunächst überlegen, was Du vor hast. Bei falscher Auswahl ist nicht nur das Geld futsch, sondern auch die Enttäuschung groß, wenn das Ergebnis nicht Deinen Erwartungen entspricht. Filmmaterial unterscheidet sich nämlich nicht nur in der Empfindlichkeit.

Umkehrfilme tragen häufig den Begriff „Chrome“ im Namen.

Der Umkehrfilm

Ursprünglich gab es für Super-8 nahezu ausschließlich sogenannte Umkehrfilme, d. h. nach der Entwicklung konnte man den Film in den Projektor legen und anschauen. Soweit es sich um Farbfilme handelt, tragen Umkehrfilme oft die Bezeichnung „Chrome“ im Namen.

Der von Dir aufgeführte Kodak Tri-X 200 ist ebenfalls ein Umkehrfilm, allerdings fehlt die Farbe – es ist ein Schwarz/Weiß-Film. Zudem lässt er sich bei entsprechender Verarbeitung auch zu einem Negativ entwickeln. Und schon sind wir bei der zweiten Filmklasse: Dem Negativfilm.

Der Negativfilm

Farbnegativfilm (hier für 35mm): Im Projektor nicht direkt ansehbar. Es ist eine Umkopierung auf Positivfilm („Vorführkopie“) oder eine Filmabtastung auf Video erforderlich.

Negativfilme sind nicht so ohne Weiteres direkt ansehbar. Das Ergebnis sieht nach der Entwicklung etwa so aus, wie die Filmstreifen, die zur Zeit der Analogfotografie für Papierbilder verwendet wurden.

Negativfilme waren ursprünglich dazu gedacht, um davon Vorführkopien, z.B. fürs Kino herzustellen. Das geht damit deutlich besser, als mit Umkehrfilm, spielt aber heute keine Rolle mehr.  Trotzdem verwenden Super-8 Filmer (insbesondere solche mit professionellen Ambitionen) seit einigen Jahren verstärkt Negativfilm, weil sich damit bei der Abtastung auf Video bessere Ergebnisse erzielen lassen. Die Negativabtastung, die nicht jeder Digitalisierungsservice beherrscht, kostet neben Material und Entwicklung noch einmal extra Geld.

Sämtliche Negativ-Aufnahmefilme (zu denen auch der von Dir angeführte Kodak 50D gehört) wurden ursprünglich für größere 16- und 35 mm-Profikameras entwickelt und sind nicht auf die Belange einer Super-8-Kamera optimiert. Sie sind etwas dicker und starrer als Super-8-Umkehrmaterial. Viele, aber längst nicht alle Kameras, besitzen ausreichend starke Motoren, um den Negativfilm transportieren zu können. Ob Deine Porst-Kamera das kann, ist nicht vorhersehbar, weil auch der derzeitige technische Zustand eine Rolle spielt. Im Prinzip hilft da nur Ausprobieren – allerdings sicher nicht direkt zu Beginn Deiner Filmerlaufbahn!

Für den Einstieg sei Dir deshalb in jedem Fall zu einem Umkehrmaterial geraten!

Zum Thema Filmempfindlichkeit

Handbelichtungsmesser im Einsatz

Handbelichtungsmesser im Einsatz

Prinzipiell ist es kein Problem, Filmmaterial zu verwenden, das vom kameraeigenen Belichtungsmesser nicht unterstützt wird. Die Belichtungsmessung muss dann manuell mit Hilfe eines Handbelichtungsmessers vorgenommen werden.

Bei Super-8-Kameras ist das jedoch nicht ganz trivial, weil die gemessenen Werte auf Grund des kamerainternen Strahlenganges nicht so ohne Weiteres eins zu eins übertragen werden dürfen. Für den Anfänger ist diese Methode also ungeeignet.

Einfacher ist es, die Belichtung mit der Kamera selbst zu messen und den angezeigten Belichtungswert im Hinblick auf das tatsächlich verwendete Filmmaterial manuell zu korrigieren.

Wie man feststellt, was der Kamera-Belichtungsmesser gerade misst

Codierung einer Super-8-Kassette: Je nach Filmempfindlichkeit ist die obere Kerbe kürzer oder länger. Die untere blau markierte Kerbe zeigt an, dass es sich um ein auf Kunstlicht sensibilisiertes Filmmaterial handelt.

Dazu muss man zunächst wissen, von welcher Filmempfindlichkeit die Kamera bei der Belichtungsmessung gerade ausgeht.

Im Gegensatz zu Fotoapparaten wird das Belichtungsmesssystem bei Super-8-Kameras nicht manuell justiert, sondern es erfolgt automatisch. Dazu besitzt jede Filmkassette verschiedene Codierkerben, die von der Kamera abgetastet werden. Allerdings unterstützt nicht jede Kamera jede nur erdenkliche Codierung, so dass Du prüfen musst:

  • welche Empfindlichkeit die Kassette an die Kamera meldet
  • welche Empfindlichkeiten die Kamera unterstützt
  • und wie die Kamera die Codierung interpretiert.

Bei Filmkassetten, die von Fremdanbietern mit Material befüllt wurden, stimmt manchmal die Codierung nicht mit der tatsächlichen Empfindlichkeit überein. Oder die Kamera tastet die Empfindlichkeit falsch ab, weil die hierfür erforderlichen Messfühler fehlen. Deshalb ist besonders der dritte Punkt wichtig.

Taststifte Nizo S30

NIZO S30: Es gibt nur jeweils einen Taststift für die Empfindlichkeit und einen für die Sensibilisierung des Filmmaterials. Dadurch werden manche Filmempfindlichkeiten nicht durch den Belichtungsmesser erkannt.

Ermitteln lässt sich das alles mit Hilfe eines Messstreifens, mit dem sich die Codierung entschlüsseln lässt. Details zur Vorgehensweise gibt es hier.

Mit diesen Informationen gerüstet, ist das Umrechnen von der gemessenen hin zur tatsächlichen Empfindlichkeit ein Kinderspiel. Merken musst Du Dir nur die folgende Regel:

Eine Verdopplung/Halbierung der ASA-Zahl, entspricht einer Halbierung/Verdopplung der erforderlichen Lichtmenge. Um das zu korrigieren, muss die Kamerablende um jeweils eine Stufe geschlossen/geöffnet werden.

Beispiel:
Die Kamera geht von einem 100 ASA-Material aus, tatsächlich ist aber Filmmaterial mit einer Empfindlichkeit von 200 ASA eingelegt. Es ist also doppelt so empfindlich, wie die Kamera vermutet.

Um das zu kompensieren, muss die einfallende Lichtmenge halbiert werden. Praktisch stimmt die Belichtung, wenn die gemessene Blende um einen Zahlenwert geschlossen wird (also zum Beispiel von 5,6 auf 8). 

Keine Sorge, das klingt kompliziert, geht aber sehr schnell in Fleisch und Blut über!

Antworten auf sonstige Fragen

  • Was passiert, wenn ich die Belichtungskorrektur unterlasse und damit das Filmmaterial bewusst fehlbelichte?
    Diese Frage lässt sich pauschal nicht beantworten. Umkehrfilm reagiert bei leichter Unterbelichtung (ca. 1 Stufe) recht gutmütig. Allerdings bekommt das Bild eine an Ölgemälde erinnernde Farbcharakteristik. Überbelichtung mag Umkehrfilm überhaupt nicht. Bei Negativfilm ist es genau umgekehrt. 1 bis 2 Stufen Überbelichtung sind häufig kein Problem, hier sollte eine Unterbelichtung vermieden werden. Belichtungskorrekturen durch Anpassen der Entwicklung sind technisch machbar, in der Praxis jedoch mit Mehrkosten verbunden und werden auch nicht von jedem Labor angeobten. Da bei länger gelagerten Filmmaterialien die tatsächliche Empfindlichkeit relativ großen Toleranzen unterliegt, solltest Du den Belichtungsspielraum nicht über Gebühr strapazieren, sondern Dich um eine möglichst genaue Belichtung bemühen.
  • Gibt es neben den von mir genannten Typen weitere geeignete Filme oder Lieferquellen?
    Die Materialvielfalt ist heute größer, als zu den Hochzeiten von Super-8. Allerdings gibt es nur sehr wenige Lieferanten. Am bekanntesten ist im deutschen Raum sicherlich Wittner Kinotechnik.  Es gibt aber beispielsweise auch noch Kahl und das Kopierwerk Andec-Film. Kodak selbst liefert ebenso noch, ob auch in Kleinmengen an Endverbraucher, vermag ich nicht zu sagen. Aber selbst bei Amazon wird man mit ein wenig Mühe fündig. Vorsicht ist geboten bei „Dachbodenfunden“ auf ebay. Viele historische Filmmaterialien, insbesondere der Kodakchrome oder der Agfa Moviechrome, sind heute nicht mehr oder nur noch mit Einschränkungen zu entwickeln.
  • Gibt es sonstige Empfehlungen?
    Ja, das Forum filmvorfuehrer.de. Anders als der Name vermuten lässt, tummeln sich hier nicht nur Profi-Kinomacher, sondern auch zahlreiche Fans des Super-8-Films. Insbesondere, wenn es um aktuelle Informationen geht, findest Du dort oft Hilfe.
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